Eine Weihnachtsgeschichte
von Nathalie Maasberg

 

 

1. Türchen

München, 21.12.2016, 7:30 Uhr

Als Erstes kamen die Schuhe unten in den großen Trecking-Rucksack. Das hatte ihm seine Mutter so beigebracht. Er hatte sogar daran gedacht, sie in ein Plastikbeutelchen zu stecken. Das war gar nicht so einfach, denn seit es in den Geschäften keine kostenlosen Plastiktüten mehr gab, hatte sich sein Vorrat auf Null reduziert. Gottseidank hatte er aber noch eine Tüte vom Obststand des Supermarktes. Die war zwar etwas klein und reichte nicht ganz über seine Turnschuhe, war aber besser als nichts. Darauf warf Niklas alles, was sich unter dem Oberbegriff Hygienebedarf zusammenfassen lässt. Seine Mutter hätte jetzt wieder gesagt „Aber Junge, du hast doch den schönen Kulturbeutel!“ Nur die Zahnbürste hatte er in eine weitere Tüte gepackt, in die von den Mandarinen. Dann kam ein Satz Klamotten, mehr würde er nicht mitnehmen, denn bei seinen Großeltern im Haus waren noch viele Sachen von ihm gelagert, die über die Weihnachtsferien reichen würden.

Nun fehlte noch ein bisschen Verpflegung. Es würden immerhin acht Stunden Bahnfahrt bis Kiel sein. Niklas ging davon aus, dass die Deutsche Bahn noch unberechenbarer sein würde als das Wetter. Seit fast einer Woche lagen Mittel- und Süddeutschland unter einer für diese Zeit ungewöhnlich dicken Schneedecke. In der Mitte des Landes kam es immer noch zu heftigen Schneefällen und er hoffte, dass sein Zug trotzdem gut durchkommen würde. Zuletzt kamen Geldbörse, Zugticket und ein Buch für unterwegs in den Rucksack. Ein Thriller als spannende Abwechslung zu seinem Germanistik-Studium.

Niklas schlüpfte in seine Winterjacke, stopfte iPod und Smartphone in seine Jackentaschen und sah sich noch einmal suchend in seinem kleinen Zimmer um. Eigentlich hatte er an alles gedacht. Alle Stecker in der Kochnische waren herausgezogen. Noch ein kurzer Kontrollblick in das winzige Badezimmer und er machte sich auf den Weg. Es war schon erstaunlich ruhig im Studentenwohnheim, obwohl die vorlesungsfreie Zeit erst Heiligabend beginnen würde. Die meisten waren aber schon auf dem Weg zu ihren Familien. Auch Niklas freute sich auf das Weihnachtsfest in dem riesigen Haus seiner Großeltern in der Nähe von Kiel. Seine Eltern würden auch dort sein. Das war etwas ganz Besonderes, denn sein Vater war im diplomatischen Dienst und ständig in anderen, oft weit entfernten Ländern, im Einsatz. Darum hatte Niklas auch seit der Oberstufe bei seinen Großeltern gewohnt. Davor hatte er mehr Länder und Schulen kennengelernt als ihm irgendjemand glauben würde. Seine ältere Schwester Lena würde mit Mann und Tochter kommen. Auf seine vierjährige Nichte Jule freute er sich besonders. Weihnachtsgeschenke hatte er noch nicht, aber zweieinhalb Tage in Kiel würden reichen, um noch einzukaufen. Wieder hörte er seine Mutter seufzen. „Typisch Mann.“

Niklas stapfte durch den dreckigen Schneematsch, den der Verkehr auf Straßen und Fußwegen hinterlassen hatte, zur Straßenbahn. Gegen einen Pfeiler der Haltestelle lehnte ein Weihnachtsmann. Die Mütze war halb vor sein Gesicht gerutscht, der fleckige rote Mantel hing wie ein nasser Sack an ihm herunter und wurde nur unterhalb der dicken Wampe von einem breiten Gürtel irgendwie zusammengehalten. Er hob seine Hand mit der halbvollen Flasche Rum, prostete Niklas zu „Frö…Fröhlische Weihnaschten!“ und rülpste herzhaft.

 

 

2. Türchen

München Hauptbahnhof, 21.12.2016, 9:00 Uhr

Der ICE 680 nach Hamburg stand auf Gleis 14. Niklas schob sich vorsichtig durch das Gewusel im Gang des Zuges, soweit das mit 1,85m, einem extrem breiten Kreuz und dem Trecking-Rucksack auf dem Rücken möglich war. Irgendwann hatte er seinen reservierten Platz gefunden. Mit der Erfahrung eines Diplomatensohns machte er dem dort bereits sitzenden Herrn klar, dass er diesen Platz nun zu räumen habe. Der Mann stemmte sich schimpfend aus dem Sitz hoch. Er griff seinen Mantel und die vor ihm auf dem kleinen Tischchen liegende, fast leere Tüte mit Lebkuchenherzen eines hannoverschen Herstellers und schob sich nun seinerseits durch die Menschenmassen auf der Suche nach einem neuen Platz.

Während Niklas seine Jacke auszog und versuchte, sie zusammen mit seinem Rucksack in dem Gepäcknetz unterzubringen, das seiner Meinung nach höchstens für Zigarettenschachteln ausreichte, setzte sich der Zug ruckend in Bewegung.

Die junge Frau auf dem Fensterplatz neben ihm hatte während der ganzen Aktion nicht einmal die Augen geöffnet. Sie hatte ihre Schuhe ausgezogen und  die Füße in dicken grünen Wollsocken ganz eng an den Körper auf den Sitz gezogen. Niklas sah nur ein gegen das Fenster gelehntes, dunkelrotes Häufchen Klamotten, Ketten und Tücher. Unter den langen Dreadlocks erkannte er noch Kopfhörer. Auf dem Fensterplatz gegenüber saß ein Managertyp im Anzug mit Tablet in der Hand und Wirtschaftszeitungen auf dem Schoß, der seine Umwelt komplett ignorierte.

Umso aufmerksamer wurde Niklas Ankunft von der älteren Dame registriert, die ihm gegenüber saß und ihn sofort mit den Worten „Auch auf dem Weg zur Familie?“ begrüßte. Eine Stunde später kannte er den verstorbenen Ehegatten seiner Mitfahrererin, die vier Kinder, deren Ehepartner, die neun Enkelkinder und den Labrador Cookie. Bei Kind 2 hatte er allerdings den Faden verloren, der wievielte Ehemann das nun gerade war und warum dieses Weihnachten so furchtbar werden würde, weil doch der Ex….

Die Rastafari neben ihm hatte sich während des Monologs der Dame einmal bewegt und kurz die Augen geöffnet. Ihr Blick streifte ihn und er glaubte Mitleid darin zu erkennen. Sie nickte ihm zu, um sich dann gleich wieder zusammenzurollen und die Augen zu schließen.

Nach zwei Stunden wusste Niklas, warum Weihnachten früher viel schöner war, als Frieda und Hermann noch lebten, der Schnee noch meterdick lag, das Brennholz kaum reichte und auf den bunten Tellern Äpfel, Nüsse und selbstgebackene Kekse lagen. Als Geschenke gab es ein selbstgeschneidertes Kleid oder eine Puppenstube aus alten Schuhkartons. „Dass die Familie zusammenkam, war immer das Wichtigste!“ klärte ihn die Dame auf. „Das gemeinsame Essen, wenn Mutter aus dem wenigen, das wir hatten, ein Festmahl zauberte. Der Besuch der Mitternachtsmesse, der Duft von Tannennadeln und Bratäpfeln. Und kein Fernseher. Das waren noch Zeiten!“

Niklas Sitznachbarin reckte sich und schob die Kopfhörer von den Ohren. Musik hatte sie offenbar schon länger nicht mehr gehört. „Klar!“ Ihre Stimme klang zynisch und ihre grünen Augen funkelten. „Und wie viele Kinder und alte Leute starben in diesen guten alten Zeiten über den Winter an irgendwelchen Krankheiten, weil sie weder genug Heizmaterial noch genug Essen hatten?“

 

 

3. Türchen

Fulda Hauptbahnhof, 21.12.2016, 12:00 Uhr

Der ICE stand. Grundsätzlich planmäßig, nur hätte er auch irgendwann wieder losfahren müssen. Stattdessen knarzte der Lautsprecher durch den Zug. „Sehr geehrte Fahrgäste, auf Grund eines Triebwerkschadens können wir leider nicht weiter fahren. Bitte verlassen Sie den Zug und achten Sie auf die Durchsagen auf dem Bahnsteig.“

Draußen sah Niklas sich ratlos um. Die alte Dame zog ihren Rollkoffer hinter sich her und fand das alles nicht so schlimm. „Ich suche mir jetzt eine Telefonzelle und rufe die Monika an. Die wohnt hier in Fulda bei ihrer Tochter seit ihr Mann gestorben ist.“ Der Manager rannte hektisch mit IPhone am Ohr über den Bahnsteig und brüllte Flüche in das Gerät. Niklas befürchtete einen nahenden Herzinfarkt. Ein Bahnmitarbeiter versuchte sich unauffällig durch die orientierungslosen Fahrgäste zu schlängeln. Niklas trat ihm in den Weg. „Entschuldigen Sie bitte, wie geht es denn jetzt hier weiter?“

„Woher soll ich denn des wisse?“ Der Mann wollte schnell wieder flüchten, hatte aber nicht mit Niklas Hartnäckigkeit gerechnet.

„Kommt denn ein Ersatzzug für diesen? Oder sollen wir den nächsten ICE nach Hamburg nehmen, der hier durch kommt?“

Doa kummt heit koaner mäj. Wu solle mer de denn herkriege? Bei dem Wedder gäjd nix mäj.“ Nun verschwand er endgültig.

„Was hat der eben gesagt?“ Neben Niklas war die Rastafari aufgetaucht, inzwischen in einen kunterbunten, viel zu großen Wollmantel gehüllt und mit einer roten Bommelmütze auf dem Kopf. „Hi, ich bin Alex.“ Zerstreut gab Niklas ihr die Hand. „Niklas.“ Dann fiel ihm auf, dass sie ihn etwas gefragt hatte. „Hier geht heute nichts mehr.“ Er deutete nach oben. Aus dunklen Schneewolken fielen dicke Flocken, die ein eisiger Wind über die Bahnsteige fegte. „Komm mit, lass uns in den Bahnhof gehen, es ist zu kalt hier.“ Niklas schob die zierliche, bibbernde Frau vor sich her, nachdem er ihr den altmodischen Koffer aus der Hand genommen hatte, der viel zu groß für sie zu sein schien. Er selbst fror auch schon erbärmlich. In der Halle sang ein Kinderchor Weihnachtslieder für die Reisenden. Alex verzog das Gesicht und murmelte „Scheiß Weihnachten.“ Niklas wusste nicht warum, aber er hatte das Gefühl, sich um diese kleine Kratzbürste kümmern zu müssen. „Lass uns irgendwo etwas essen gehen und dann überlegen wir, wie es weitergeht. Wohin fährst du eigentlich? Hast du es noch weit?“

Alex druckste rum. „Ich habe nicht viel Geld dabei. Das reicht höchstens für eine Bratwurst. Vielleicht kann ich ja hier in der Bahnhofsmission übernachten. Ich muss noch bis Hamburg.“

Niklas grinste. „Ich lade dich ein. Magst du italienisches Essen? Ich garantiere aber nicht dafür, dass die hiesigen Italiener weihnachtsfreie Zone sind.“ Er fischte sein Handy aus der Jackentasche und informierte seine Familie, dass er erst morgen ankommen würde. „Willst du nicht auch deine Familie anrufen, damit die weiß, dass du hier festsitzt?“ Er blickte Alex fragend an.

Die zuckte nur die Schultern. „Ich habe keine Familie. Mich vermisst niemand.“

 

 

4. Türchen

Fulda, 21.12.2016, 14:00 Uhr

Niklas beobachte amüsiert, mit welchem Appetit Alex ihre riesige Pizza verspeiste. Er selbst hatte sich ein Nudelgericht bestellt. Er beschloss, mit einer unverfänglichen Frage zu beginnen, um ein wenig mehr von ihr zu erfahren. „Wohnst du eigentlich dauerhaft in München? Arbeitest du dort?“ Dass sie keine gebürtige Münchnerin war, sondern wie er aus dem hohen Norden stammte, hatte er schon mitbekommen.

„Ich studiere Sozialpädagogik an der LMU.“

Er blickte sie überrascht an. „Wir haben uns da aber noch nie getroffen, oder? Ich studiere dort Germanistik.“

„Vermutlich verkehren wir in ziemlich unterschiedlichen Kreisen.“

Niklas versuchte, seine Belustigung zu verbergen. „Und in welchen Kreisen verkehrst du so? Wer wartet in Hamburg auf dich, wenn du keine Familie hast?“

Alex wischte sich mit dem Ärmel ihrer gebatikten Bluse den Mund ab. „Ich besuche meine alte WG. Wir haben es alle nicht so mit Weihnachten und deswegen machen wir etwas Sinnvolles statt uns mit Geschenken zu überhäufen. Wir helfen in den Obdachlosenunterkünften und bei den sozialen Weihnachtsfeiern. Da gibt es viele, die total alleine sind und Weihnachten den Blues haben. Und gerade Heiligabend fehlen ehrenamtliche Helfer an allen Ecken und Enden. Ich werde wohl wieder nach Wandsbek gehen, da war ich damals selbst im Jugendwohnheim.“ Ihre Stimme war mit dem letzten Satz ganz leise geworden, bevor sie abrupt verstummte.

Niklas hatte das Gefühl, dass sie gerade mehr von sich preisgegeben hatte, als sie eigentlich wollte. „Möchtest du einen Nachtisch?“ lenkte er ab. „Die haben hier rote Grütze auf der Karte. Und das bei einem Italiener in Fulda.“

Alex nahm den Themenwechsel erleichtert auf. „Wir können ja testen, ob die dem Anspruch von uns Fischköppen genügt.“

Trotzdem war die Stimmung gekippt und beide waren froh, als sie nach dem Essen wieder vor der Tür standen. Der Schneefall hatte sich weiter verstärkt und der Wind war noch eisiger geworden. Sie beeilten sich, zurück zum Bahnhof zu kommen, um ihr Gepäck wieder aus den Schließfächern zu holen.

Alex gab Niklas die Hand. „Danke für das Essen, ich suche mir jetzt einen Schlafplatz für die Nacht.“

„Wo willst du denn unterkommen? Das wird bestimmt nicht einfach. Ich kann…“

„Nein, Danke“, unterbrach sie ihn schnell. „Ich komme alleine klar, ich bin immer alleine klar gekommen.“ Sie schniefte. „Scheiße, ist das kalt. Nun geh schon, irgendein Hotel wird dich schon aufnehmen, die Kohle dafür hast du ja wohl.“ Niklas glaubte, Bedauern in ihren Augen zu sehen, als sie sich umdrehte und mit ihrem großen Koffer in der Hand in einer Seitengasse verschwand. Er widerstand dem Impuls, ihr nachzugehen und folgte einem Hinweisschild zu einem bahnhofsnah liegenden Hotel. Vielleicht war da ja trotz Weihnachtszeit ein Zimmer für ihn frei. Er würde die Kreditkarte nehmen, die ihm sein Vater damals für den Notfall gegeben hatte. Bisher hatte er das vermieden, immerhin sponserten seine Eltern und Großeltern sein Studium und die Unterkunft in München schon mehr als großzügig. Besonders sein Opa, der in seiner Jugend unter sehr schweren Bedingungen Jura studiert hatte, wollte dass es seinem Enkel an nichts fehlte.

 

 

5. Türchen

Fulda, 21.12.2016, 16:30 Uhr

Die Empfangsdame im Hotel zuckte bedauernd die Schultern. „Tut mir leid, wir sind restlos ausgebucht.“ Sie nahm einen Zettel, auf den sie eine andere Hoteladresse schrieb, bevor sie ihn Niklas gab. „Versuchen Sie es dort einmal, soweit ich weiß haben die noch was frei.“ Niklas bedankte sich und machte sich auf den Weg. Der führte ihn mitten über den Weihnachtsmarkt und obwohl sein Mittagessen noch gar nicht so lange her war, lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Überall duftete es nach Lebkuchen, Bratäpfeln, Glühwein und so vielen anderen leckeren Sachen. Am Stand mit den Schmalzkuchen gab er der Versuchung nach und holte sich eine große Portion des fettigen und leckeren Gebäcks. Mit der Papiertüte in der einen Hand und einem kleinen Holzspieß in der anderen schob er sich weiter durch das Lichtermeer der Verkaufsbuden und die vielen Menschen, die der Kälte und dem Schnee an diesem Tag trotzten. Überall waren Kinder mit glänzenden Augen und roten Wangen. Ein Gefühl von Wärme und Zufriedenheit stieg in ihm auf.

Er erreichte den Rand des Marktes, an dem viele kleine Stände Kunsthandwerkliches anboten. Neben einem Stand mit gefilzten Mützen und Taschen entdeckte er den ihm nun schon bekannten bunten Wollmantel und die rote Bommelmütze. Alex stand mit der Filzverkäuferin neben einem Heizpilz und hielt einen dampfenden Becher mit beiden Händen fest umschlossen. Sie entdeckte ihn sofort und strahlte. „Hi, Niklas. Hast du schon eine Unterkunft gefunden? Ich kann bei Franzi und ihrer Familie schlafen.“ Während sie sprach fischte sich erst einen, dann weitere Schmalzkuchen aus Niklas‘ Tüte. Dazu musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen, denn er war wesentlich größer als sie. Niklas beschloss, dass die andere Frau am Heizpilz dann wohl Franzi sein musste und gab ihr die Hand. „Hallo Franzi, das ist nett von euch, dass ihr Alex aufnehmt.“ Ihre Hand fühlte sich an wie Schmirgelpapier fand Niklas, doch ihr sanftes Lächeln strahlte Freundlichkeit aus. „Hallo Niklas, ich habe schon von dir gehört. Hast du etwas für die Nacht gefunden? Sonst kannst du auch mit zu uns kommen. Wir wohnen mit drei Familien als Wohngemeinschaft auf einem Resthof, den wir gemeinsam ökologisch und vor allem nachhaltig bewirtschaften. Besuch ist bei uns immer gern gesehen.“ Niklas zögerte. Wohngemeinschaft? Ökologisch? Filzen? Franzi hatte offenbar seine Gedanken gelesen und lachte. „Keine Angst, du landest nicht in einer Hippie-Kommune mit freier Liebe und Drogenkonsum.“ Niklas sicherte sich blitzschnell den letzten Schmalzkuchen, bevor er kauend nickte. „Gerne, wenn es euch keine Umstände macht.“ Er hatte keine Ahnung, auf was er sich hier einließ, musste sich aber eingestehen, dass er einerseits sehr neugierig war und andererseits: irgendwer musste ja auf Alex aufpassen.

Erst hieß es aber, noch in Kälte und Schnee aushalten, bis der Markt um 18 Uhr seine Pforten schließen würde. Niklas spendierte den Damen noch einen Imbiss, eine Portion Pilzpfanne für die Vegetarierin Franzi und ein Backschinken-Brötchen für die Allesfresserin Alex. Es war ihm ein Rätsel, wie in dieses zierliche Persönchen so viel Essen passte.

Gemeinsam bauten sie den Stand ab und verstauten Tische und Verkaufsgut in dem alten VW-Bus, den Franzi aus einer Seitenstraße geholt hatte und der mindestens so bunt war, wie Alex Mantel. Es wurde sehr eng mit drei Leuten vorne auf der Sitzbank und Niklas war leicht mulmig, als Franzi den Bus durch die bergige Landschaft und den Schnee aus der Stadt hinaus bis ins Umland lenkte.

 

 

6. Türchen

Irgendwo in der Pampa um Fulda, 21.12.2016, 19:30 Uhr

Niklas überlegte, woher ihm diese Szene so bekannt vorkam. Die große Wohnküche mit dem riesigen Holztisch in der Mitte, an dem aktuell 17 Personen saßen. Daneben ein Kamin, dessen Feuer den ganzen Raum behaglich wärmte. Dann fiel es ihm ein: Asterix! Es fehlten eigentlich nur die gegrillten Wildschweine auf den Tischen. Stattdessen gab es selbstgebackenes Dinkelbrot und gedünstetes Gemüse, dazu Butter und Käse aus eigener Herstellung. Die dafür verantwortlichen Ziegen hatte er bereits kennengelernt, als sie den Bus im Stall entluden. Auch wenn er nur noch wenig Hunger verspürte, musste er doch zugeben, dass das Essen sehr lecker und nicht mit den Produkten aus einem Supermarkt zu vergleichen war.

Bei Asterix gab es allerdings nicht so viele Kinder. In diesen drei Familien waren es insgesamt sieben. Besonders Franzis Tochter Hanna hatte mit ihren sechs Jahren sofort einen Narren an Niklas gefressen.

Nach dem Abendbrot versammelten sich die Familien in einer gemütlichen Sitzecke und spielten Brettspiele mit den Kindern. Überall brannten Kerzen, der ganze Raum war mit Tannenzweigen, selbstgebastelten Sternen und Tannenzapfenmännchen geschmückt. Einen Fernseher gab es nicht. Niklas hätte zu gern Nachrichten geschaut, schon wegen der Wetterlage und der Aussichten, am nächsten Tag weiter zu reisen. Der Akku seines Smartphone hatte mittlerweile aufgegeben und fluchend stellte er fest, dass er doch etwas in München vergessen hatte: das Ladekabel. Die Nachfrage bei Franzi ergab, dass hier niemand ein Handy hätte und demzufolge auch kein Ladekabel im Haus wäre. Wenn Niklas einen dringenden Anruf zu tätigen hätte, könne er gern das Festnetztelefon im Büro benutzen. Nein, Internet auch nicht, der Computer würde nur für anfallende Verwaltungsarbeiten des Hofes genutzt. Alex konnte ihm auch nicht helfen, da sie zwar ein Ladekabel hatte, aber eben nur eins für ihr uraltes Nokia. Niklas ergab sich in sein Schicksal und beschloss, das Offline-Leben einfach einmal zu genießen. Er hockte auf einem durchgesessenen Sofa und spielte mit drei anderen Die Siedler von Catan. Neben dem Brett stand sein Becher mit heißem Kakao auf dem Tisch, den er versuchte, vor Hanna zu schützen, die halb neben ihm und halb auf seinem Schoß saß und mit viel Gestikulieren und strahlenden Augen von ihren Weihnachtswünschen erzählte. Eine Sternenlicht-Barbie mit fliegender Katze sollte es sein, die würden sich auch alle ihre Freundinnen wünschen. Und Pia hat die sogar schon, die hatte nämlich letzte Woche Geburtstag. Franzi sah ihre Tochter stirnrunzelnd an. „Aber Hanna, das Thema hatten wir doch jetzt schon so oft. Du weißt, was ich von diesem sinnlosen Plastik-Spielzeug halte.“ Hanna zog einen Flunsch.

Nachdem die Kinder im Bett waren, saßen die Erwachsenen noch einige Zeit zusammen, bevor einer nach dem anderen Gute Nacht wünschte und sich in seine Privaträume zurückzog. Alex sollte bei Franzis jüngerer Schwester Henrike im Zimmer auf dem Sofa schlafen, Niklas wies man die Schlafcouch im Büro zu. Die war zwar ein wenig zu kurz für seine Körpergröße, trotzdem schlief er nach diesem anstrengenden Tag sofort ein. Dementsprechend war er ziemlich benebelt und orientierungslos, als sich etwa eine Stunde später die Bürotür quietschend öffnete.

„Niklas? Bist du noch wach?“. Alex Kopf schob sich in das Zimmer.

„Jetzt wieder“, murmelte er. „Was gibt es denn?“

Alex kam ganz herein. Im fahlen Mondlicht, das die dünnen Vorhänge durchließen, stand sie frierend, nur mit einem Shirt bekleidet vor ihm und hatte ein Kissen und eine Steppdecke unter dem Arm. „Henrike schnarcht fürchterlich. Kann ich bei dir schlafen?“

Seufzend rückte Niklas ein Stück zur Seite. „Komm her!“

 

 

7. Türchen

Fulda Hauptbahnhof, 22.12.2016, 07:30 Uhr

Der Schneefall hatte aufgehört und der Wind nachgelassen. Allerdings war die Temperatur auf -7 Grad gesunken. Nach einem ausgiebigen Frühstück im Kreis ihrer Gastgeber, bei dem Niklas mal wieder Alex Appetit bewundern konnte, hatte Franzi die beiden am Bahnhof abgesetzt. Sie selbst machte sich gleich wieder auf den Weg, um ihren Stand auf dem Weihnachtsmarkt aufzubauen. Alex fror jetzt nicht mehr ganz so, nachdem Franzi ihr einen selbstgestrickten Pullover aus Schafwolle geschenkt hatte, der sie nun unter dem Wollmantel zusätzlich wärmte.

Leider gab es am Bahnhof keine guten Neuigkeiten, dem Schneesturm waren am Vortag einige Oberleitungen zum Opfer gefallen. Derzeit war der komplette Bahnverkehr in Richtung Norden lahmgelegt und niemand konnte ihnen sagen, wann es weitergehen würde. Niklas zog Alex zum Infoschalter, um sich dort bescheinigen zu lassen, dass ihre alten ICE-Tickets nach Hamburg ihre Gültigkeit behielten. So würden sie später andere Züge damit nutzen können.

Während Alex beschloss „sich mal nach Möglichkeiten“ umzuschauen, ging Niklas in das Bahnhofscafé. Er war sich zu diesem Zeitpunkt schon völlig sicher, dass Alex eine Möglichkeit finden würde, wenn sie eine sucht.

Ein kleiner Flirt mit der schnuckeligen Bedienung im Café brachte ihm zwar nicht deren Telefonnummer ein, aber immerhin für eine Weile ihre Powerbank für sein Handy. Nun fühlte er sich nicht mehr komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Offen gesagt war er derzeit sowieso mehr an einem Ladekabel interessiert als an einer Frau. Mit zwei dampfenden Kakao-Bechern und einer Tüte mit Gebäck trat er wieder auf den Bahnhofsvorplatz. Suchend sah er sich nach Alex um und entdeckte sie an einem großen Verkaufswagen mit Göttinger Kennzeichen, der mit laufendem Motor schon auf ihn zu warten schien.

„Da bist du ja endlich“, rief Alex. „Günther nimmt uns bis Göttingen mit. Wir juckeln aber über die Dörfer und halten überall an. Günther verkauft Lebensmittel dort, wo es keine Läden mehr gibt.“ Stirnrunzelnd sah sie erst die Becher in seiner Hand an und dann ihn. „Musste das sein? Weißt du was für Müllberge diese To-Go-Becher verursachen?“

Er drückte ihr einen der Becher in die Hand und knurrte „Ein einfaches Danke hätte mir auch genügt.“

Seinen Becher bot er Günther an, der aber dankend ablehnte und ihn vorwarnte. „Das kann aber länger dauern bis Göttingen. Bei den Straßen komme ich mit der Karre hier nicht so schnell durch wie sonst. Und der Redebedarf der Senioren ist vor Weihnachten auch größer als sonst.“

„Kein Problem“, winkte Niklas ab. „Hauptsache, Sie lassen meine Begleiterin nicht in die Nähe der Lebensmittel. Eine Raupe ist gar nichts gegen die Frau.“

Alex, die ihm gerade die Gebäcktüte aus der Hand gezogen hatte und in ein Franzbrötchen biss, sah ihn strafend an. Aber Günther lachte nur. „Da muss ja auch noch was auf die Rippen, so dünn wie die ist!“

 

 

8. Türchen

Das x-te Kaff zwischen Fulda und Göttingen, 22.12.2016, 11 Uhr

„Junger Mann, geben Sie mir doch bitte noch die kleine Leberwurst. Und der Rotkohl ist auch schon in der Tüte? Ach Gottchen, dann brauch ich ja auch noch Lorbeerblätter.“ Die alte Dame strahlte den charmanten, jungen Mann an, der sie heute bediente.

Niklas zog ein Beutelchen Lorbeerblätter aus einem Metallständer. „Die haben wir hier. Darf es noch etwas sein?“ Langsam machte ihm die Sache richtig Spaß und er wusste wo er was in dem vollgestellten Wagen finden konnte. Bei der Ankunft in Göttingen würde er vermutlich mehr gelernt haben, als so mancher Azubi im Einzelhandel in drei Jahren. So eine Tour mit einem Lebensmittelwagen war wirklich Hardcore und präsentierte ihm das pralle Leben in allen Facetten. Günther unterhielt sich gerade mit zwei älteren Herren über das Schlachten von Kaninchen. Im letzten Dorf hatte sich Niklas hartnäckig gegen die Verkupplungsversuche der pensionierten Postzustellerin wehren müssen, die der Meinung war, dass er genau der richtige Mann für ihre Enkelin sei.

Alex saß im Führerhaus des Wagens und schmollte bereits seit dem ersten Stopp vor sich hin. Dort hatte Günther sie mehr oder weniger diplomatisch, aber auf jeden Fall unnachgiebig hinein genötigt, nachdem er hinter vorgehaltenen Händen Sachen wie „Guck mal die Haare, da sind bestimmt Viecher drin, wie unhygienisch!“ gehört hatte.

Der Wagen war immer noch umringt von Dorfbewohnern, zumindest von denen über 65 Jahre. Die Ankunft des Lebensmittelwagens zweimal die Woche schien jedes Mal ein Highlight im Leben der Leute hier zu sein. Diese Tour war sogar noch etwas ganz Besonderes, denn Günther hatte ein großes Herz. Er hatte Aufträge für Weihnachtseinkäufe angenommen und für die Senioren in den großen Städten die Geschenke für Kinder und Enkel besorgt, die er nun auch mit ausgab. Selbstverständlich war dieser Service kostenlos, aber es landete dafür so manche Spende in dem dicken Sparschwein, das im Verkaufswagen stand und dessen Inhalt für die Göttinger Tafel bestimmt war.

Als die drei wieder zusammen im Fahrerhaus saßen und der Wagen sich langsam schaukelnd in Bewegung setzte, winkten Ihnen die Kunden hinterher. Niklas legte Alex versöhnlich den Arm um die Schultern und gab ihr eine Tüte hausgemachte Kekse, die er eben geschenkt bekommen hatte.

Günther seufzte melancholisch. „Das ist die letzte Tour vor Weihnachten, jetzt habe ich endlich auch mal wieder ein paar Tage Zeit für meine Familie. Sonst bin ich ja nur unterwegs. Aber einen Tag nach Weihnachten geht es auch gleich wieder los, dann warten die Leutchen schon. Irgendwie sind die ja auch so eine Art zweite Familie für mich.“

Alex zeigte sich, vermutlich dank der Kekszufuhr, versöhnlich. „Ich hätte nie vermutet, dass noch so viele Leute einen mobilen Kaufmannsladen in Anspruch nehmen. Ich dachte immer, die Leute auf den Dörfern bestellen alles nur noch online, notfalls mit Hilfe der Enkel.“

Günther zuckte mit den Schultern. „Das tun auch immer mehr, aber vielen liegt auch an dem persönlichen Kontakt. Sie wissen eben auch meinen Service zu schätzen, ich kümmere mich ja nicht nur vor Weihnachten um den Einkauf der Geschenke sondern auch sonst um alles Mögliche. Oft sind es Bücher, ich habe allerdings auch schon Spielekonsolen, Kaffeemaschinen und Kleinmöbel besorgt. Und einmal habe ich fünf lebende Hühner von einem Dorf zum übernächsten transportiert.“

Alex legte ihm eine Hand auf den Arm. „Du bist klasse, Günther!“

 

 

9. Türchen

Göttingen, 22.12.2016, 14 Uhr

Als Günther seine Begleiter am Bahnhof absetzen wollte, gelang es ihm nicht einmal, bis dorthin vorzudringen. Auf Grund einer Bombendrohung und eines nicht zuzuordnenden Gepäckstücks war der Bahnhof weiträumig abgesperrt. Bis an die Zähne bewaffnete Polizeieinheiten passten auf, dass sich niemand näherte.

„Auch das noch.“ Alex war traurig.

Günther lehnte Niklas Einladung, irgendwo zusammen essen zu gehen, schweren Herzens ab. Er wollte heim zu seiner Familie. Vorher bat er Niklas noch um dessen Handynummer. „Ich habe einen Bekannten, der in Göttingen arbeitet und in Northeim wohnt. Der pendelt diese Strecke jeden Tag und könnte euch vielleicht nach Feierabend gegen 16 Uhr bis dorthin weiter mitnehmen. Außerdem hat er eine Schwiegermutter mit zwei Fremdenzimmern, in denen ihr unterkommen könntet“.

Niklas schüttelte den Kopf. „Wir bleiben in Göttingen, notfalls über Nacht, die Zuganbindung hier ist sehr gut. Vielleicht kommen wir ja sogar schon in ein oder zwei Stunden hier weg. Ewig kann die Sperrung ja nicht dauern.“

„Du kannst ja hier in Göttingen bleiben, ich würde gerne nach Northeim weiterfahren“, fuhr Alex dazwischen.

Er schaute sie entgeistert an. „Was willst du denn in Northeim?“

Alex zögerte. „Von da aus…ist es doch nur noch ein Katzensprung nach Bad Gandersheim. Dort wohnt eine meiner früheren Betreuerinnen aus Wandsbek inzwischen. Ich dachte, wenn ich schon die Gelegenheit bekomme, schaue ich dort mal vorbei und wünsche ihr frohe Weihnachten.“

„Hey, du entdeckst ja weihnachtliche Gefühle!“ Niklas überlegte kurz. „Aber ich finde die Idee gut. Dann fahren wir eben über Northeim nach Bad Gandersheim. Was solls.“

„Du würdest mitkommen?“ Alex schien überrascht. „Das wäre toll. Und du hast Recht, diese Reise macht mich langsam zu einem Weihnachtsfan. Wo ist der nächste Weihnachtsmarkt?“ Sie lachte.

Günther umarmte seine Mitfahrer herzlich und sie versprachen, miteinander in Kontakt zu bleiben. Sein Freund würde sich bei Niklas melden, falls die Mitfahrt klappt.

Während Alex nach rechts strebte, wo sie einen Dönerladen entdeckt hatte, zog es Niklas nach links. Dort hatte er in einiger Entfernung das orangene Logo eines Elektronikmarktes ausgemacht. Niklas argumentiere, dass es sinnvoll wäre, erst das Ladekabel zu kaufen. Dann könnte sein Handy während des Essens laden. Man würde ihm sicherlich eine Steckdose zur Verfügung stellen. Auch in einem Dönerladen. Die Freundlichkeit des Inhabers stellten sie gleich auf die Probe, als sie ihn baten, auf Alex Koffer aufzupassen, bis sie wieder da wären. Leider kamen sie ja nicht an die Schließfächer. „Kein Problem!“ nickte der Mann.

Niklas erstand ein Ladekabel für sein Handy und stellte fest, dass Alex in diesem Laden, umgegeben von Elektronik, sowohl altmodisch als auch exotisch wirkte. Es interessierte sie auch überhaupt nicht, was um sie rum präsentiert wurde. Selbst der hauseigene Santa Claus, der alle Kunden nach ihren Weihnachtswünschen befragte, machte einen Bogen um sie.

Auf dem Rückweg zum Dönerladen kamen Sie an einem Spielwarengeschäft vorbei. Niklas entdeckte etwas im Schaufenster und ging sofort hinein. „Guten Tag“, begrüßte er die Verkäuferin. „Ist das im Schaufenster die Sternenlicht-Barbie mit fliegender Katze? Meinen Sie, die ist schon was für meine vierjährige Nichte?“

Alex, die ihm gefolgt war, sah ihn entsetzt an. „Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Meinst du nicht, dass ein Puzzle oder so sinnvoller wäre?“

Die Verkäuferin lachte. „Ich glaube, diese Barbie wünscht sich im Moment jedes Mädchen. Verkehrt machen können Sie damit nichts.“

Niklas ließ sich die Puppe als Geschenk einpacken und bezahlte. Alex schüttelte nur den Kopf.

Als sie später ihre Döner aßen, lagen selbst dort Plastik-Tannenzweige mit roten Kugeln daran auf den Tischen. Dann rief auch Günthers Freund Harald schon an. Er bot an, die beiden direkt vom Essen abzuholen und mitzunehmen.

 

 

10. Türchen

Göttingen, 22.12.2016, 16:30 Uhr

Harald entpuppte sich als sympathischer Mittvierziger mit feuerrotem Kleinwagen. Alex krabbelte auf die Rückbank und Niklas faltete seine 1,85 auf dem Beifahrersitz zusammen.

„Es zieht wieder an“, murmelte Harald. „Wir fahren lieber entsprechend langsam.“

Niklas zog sein Handy aus der Tasche. „Ich muss erst einmal wieder meine Familie anrufen, die machen sich bestimmt schon Sorgen.“ Schon hatte er seinen Großvater erreicht und erzählte von der Bombendrohung in Göttingen und dass er nun einen kleinen Umweg fahren würde, um jemanden zu besuchen. Er versuchte tunlichst, alles zu bagatellisieren, um zu verhindern, dass sein Großvater ihn abholen käme. Der würde das fertig bringen und bei Schnee und Eis durch halb Deutschland fahren, um ihn einzusammeln. Nachdem Niklas mehrfach versichert hatte, dass es ihm gut geht und an nichts fehlt, legte er auf.

Genau in dem Moment trat Harald auf die Bremse. „Scheiße!“ fluchte er, als der Wagen leicht schlingernd zum Stehen kam. „Seht mal, da ist einer in den Graben gerutscht!“ Er schaltete die Warnblinkanlage ein und kramte unter dem Gepäck seiner Mitfahrer das Warndreieck aus dem Kofferraum, um die Unfallstelle abzusichern, auch wenn er daran zweifelte, dass man es in Dunkelheit und Schnee auf der unbeleuchteten Landstraße sonderlich gut sehen konnte. Niklas rannte zu dem verunfallten Wagen und sprang daneben in den Graben. Der viele Schnee hatte den Abrutscher offenbar recht gut abgefedert, am Auto sah man keine größeren Schäden. Niklas riss zuerst die hintere Tür auf, da er auf dem Rücksitz ein Kind weinen hörte. Er war froh, dass Harald seinen Wagen hatte laufen lassen und die Scheinwerfer das havarierte Auto ein wenig beleuchteten. Behutsam befreite er den kleinen Jungen aus seinem Kindersitz, während er die Eltern auf den vorderen Sitzen ansprach. Der Fahrer antwortete relativ gefasst, dass es ihm gut gehe, er aber nicht aus dem Auto käme und dass seine Frau offensichtlich einen Schock erlitten hätte. Der Junge schien auf den ersten Blick auch keine Verletzungen zu haben und Niklas reichte ihn an Alex weiter, die schon hinter ihm stand. Sie nahm den Kleinen mit unter ihren Wollmantel und kletterte aus dem Graben. Bruchteile von Sekunden fegten zwei Gedanken durch Niklas Kopf. Erstens: wie hat dieses zierliche Mädchen das gerade mit dem Kind auf dem Arm geschafft? Zweitens: unter diesen Mantel passt auch noch die restliche Familie.

In dem Moment hatte er schon vorne die Beifahrertür geöffnet und kümmerte sich um die junge, schluchzende Frau die - vermutlich durch den Schock – nicht in der Lage war, sich selbst abzuschnallen und aus dem Auto zu steigen. Die Fahrerseite lag gegen die Grabenwand, aber der Fahrer hatte sich schon selbst von Gurt und Airbag befreit und folgte seiner Frau über ihre Seite aus dem Fahrzeug. „Niko?“ Die Frau sah sich unter Tränen suchend nach ihrem Sohn um.

„Dem geht es gut“, beruhigte Niklas sie und zeigte auf Alex, die den etwa Dreijährigen auf dem Schoß wiegte und Weihnachtslieder mit ihm sang. Gottseidank schienen alle drei bis auf ein paar blaue Flecke unverletzt. Trotzdem waren die von Harald angerufene Polizei und der Notarzt schon unterwegs.

„Und das so kurz vor Weihnachten“, schniefte die junge Frau.

Ihr Mann begutachtete inzwischen sein Auto. „So ein Mist, ich bin auf einer glatten Stelle auf einmal weggerutscht. Und instinktiv habe ich voll auf die Bremse getreten. Das war mit Sicherheit ein Fehler. Und was das jetzt kostet. Weihnachten ist doch schon teuer genug.“

Niklas legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter. „Sie sind alle mit heiler Haut da rausgekommen und das ist das Wichtigste.“

Der Mann nickte. „Vielen Dank für die Hilfe, eine Menge Leute wären vermutlich einfach weitergefahren.“

In der Ferne hörte man Martinshörner und blau blinkendes Licht unterbrach die Dunkelheit der Landstraße.

 

 

11. Türchen

Northeim, 22.12.2016, 20 Uhr

Haralds Schwiegermutter ‚Nennt mich ruhig Ilse‘ begrüßte ihre beiden durchgefrorenen Übernachtungsgäste mit großer Herzlichkeit und mütterlicher Besorgnis. Ihr Schwiegersohn hatte sie bereits vom Unfallort aus informiert und so empfing sie Niklas und Alex mit einer Hühnersuppe und dem Angebot, erst einmal eine heiße Dusche zu nehmen. Beide hatten klamme Finger sowie eiskalte Füße und nahmen dankend an.
Als sie später mit der Suppe vor dem Kaminfeuer im Wohnzimmer saßen, leistete Ihnen noch die Mutter ihrer Gastgeberin Gesellschaft. Mit ihren stolzen 89 Jahren war Lotte geistig ausgesprochen rege und eine großartige Geschichtenerzählerin.Sie berichtete von der Weihnachtszeit in ihrer Heimat Ostpreußen, die sie als Kind erlebte, bevor die Flucht über das vereiste Frische Haff ihren zwei kleineren Geschwistern das Leben kostete.
In der Adventzeit saß man abends zusammen und webte die selbstgesponnene Schafwolle zu Stoffen oder strickte Handschkes und Strümpfe als Weihnachtsgeschenke. Aus Pfefferkuchenteig wurden leckere Kuchen gebacken und der Schmuck für den Weihnachtsbaum, den man im eigenen Wald schlug, hergestellt. Auf dem großen Gut der Eltern bewirtschaftete die Familie nicht nur riesige Flächen mit Getreide und Gemüse, es gab auch Hühner, Kühe und Schweine. Und natürlich Pferde, die man am Heiligen Abend vor den Schlitten spannte, um zur Kirche zu fahren.
„Davon ist uns nichts geblieben“, schloss die alte Dame. „Aber Jammern hilft niemanden und so habe ich mein ganzes Leben lang immer tapfer nach vorn geschaut und mir Ostpreußen als schöne Erinnerung in meinem Herzen verwahrt. Trotzdem fehlen mir meine kleinen Geschwister bis heute.“Sie zog ein uraltes, verblichenes Foto, das schon sehr zerknickt war, aus der Tasche ihrer Strickjacke. „Das waren die Beiden. Mir ist nur dieses eine Bild geblieben, das ich mir damals auf der Flucht in meinen Strumpf gesteckt hatte.“ Niklas nahm das Bild und gab es dann behutsam an Alex weiter. Es zeigte einen lachenden, ungefähr 10 Jahre alten Jungen und ein etwas jüngeres Mädchen mit langen blonden Zöpfen auf der Treppe eines Gutshauses. Hinter den Beiden stand ein älteres Mädchen, das etwas ernster drein schaute.
„Das dahinter bin ich“ erklärte Lotte.
Alex gab ihr das Bild vorsichtig zurück und schluckte. „Und die Menschen haben nichts dazu gelernt, seit sie damals einer fremdenfeindlichen Ideologie hinterhergelaufen sind, die so viel Unglück und Tod über die Menschen gebracht hat.“
„Stimmt“, pflichtete Niklas ihr bei. „Heute hörst du von den Parteien und Bürgergruppen am rechten Rand die gleichen Parolen wie damals.“
Sie saßen eine Weile schweigend am Feuer bis Ilse mit einem Tablett ins Zimmer kam, auf dem vier dampfende Becher standen. „Punsch?“ Die Frage war rhetorisch, denn sofort drückte sie jedem einen Becher in die Hand. Ilse hat es sehr gut gemeint mit der Mischung und so lockerte das Getränk Stimmung und Zungen. Bald waren die vier in einen lebhaften Austausch der Erinnerungen an die Weihnachtsfeste ihrer Kindheit versunken. Inge erzählte von den Weihnachtsfesten der Nachkriegszeit und den frühen Fünfzigern in Berlin, wo sie damals lebten. Niklas erzählte von Weihnachten bei 30 Grad in Buenos Aires mit Weihnachtsschmuck am Zimmerbambus und Eisbombe statt Gänsebraten. Damit brachte er Lotte so zum Lachen, dass sie plötzlich mit einem heftigen Schluckauf in ihrem Sessel saß - und darüber noch mehr lachen musste. Sogar Alex erzählte mit roten Wangen von den Weihnachtsfeiern im Kinderheim, bei denen oft nicht viele Kinder waren, denn die meisten waren Weihnachten bei Eltern oder Verwandten. Nur wenige – wie Alex – hatten Niemanden und diesen Kindern versuchten die Betreuer einen besonders schönen Abend zu machen. Es gab leckeres Essen, sie sangen gemeinsam und spielten die halbe Nacht Monopoly.
Ilse hatte inzwischen noch eine weitere Runde Punsch serviert und so war die nötige Bettschwere bei allen bald erreicht.

 

 

 

12. Türchen

Northeim, 23.12.2016, 8:30 Uhr

Als Niklas in die Küche geschlichen kam, war von Lotte und Alex noch nichts zu sehen. Ilse war dagegen hellwach und hatte einen üppig beladenen Frühstückstisch gedeckt, sogar Brötchen hatte sie schon geholt. Niklas folgte dem Geruch der Kaffeemaschine.

Ilse lachte. „Setz dich Junge, ich gieß dir einen ein.“ Sie stellte ihm einen Becher vor die Nase. „Meiner Mutter habt ihr gestern einen tollen Abend beschert, vielen Dank! Sie hat gelacht, wie schon lange nicht mehr und ich muss ja auch gestehen, dass wir die alten Ostpreußen-Geschichten schon so oft gehört haben, dass sie beim Erzählen nicht mehr die gewünschte Resonanz bekommt.“

Niklas nahm sich ein Brötchen aus dem Korb. „Das glaube ich gern. Es ist irgendwie aber auch schade, dass es immer weniger Leute gibt, die diese Zeit noch erlebt haben.“

„Darf ich fragen, wie ihr beide, du und Alex, zu dieser gemeinsamen Reise gekommen seid? Ihr seid ja doch ein…“ Ilse hatte sich verzettelt und wurde rot.

Niklas grinste. „Komisches Pärchen?“ Er erzählte ihr von der Begegnung im Zug von München nach Fulda und der alternativen Wohngemeinschaft bis hin zu der Fahrt mit Günther. „Irgendwie hatte ich zuerst das Gefühl auf diese Chaotin aufpassen zu müssen, später musste ich einsehen, dass die Frau sich immer irgendwie durchschlägt. Sie macht, was sie will, zieht ihr Ding durch und sie schafft, was sie sich vornimmt. Seit ich sie getroffen habe, ist mein sonst so geordnetes Leben irgendwie dahin. Sie führt mich regelrecht durch ein vorweihnachtliches, kleines Abenteuer.“

„Es scheint dir ja auch Spaß zu machen!“ Ilse zwinkerte ihm zu. „Und was steht am Ende der gemeinsamen Reise?“

Er zuckte die Schultern. „Die endet vermutlich in Hamburg, wenn sie nach Wandsbek fährt und ich weiter nach Kiel.“

In diesem Moment kam Lotte in die Küche. Sie deutete schmunzelnd auf ihren Gehstock. „Gut, dass ich den habe. Ihr könnt einer alten Frau doch nicht so viel Punsch einflößen.“

Ihre Tochter protestierte. „Den hast du freiwillig getrunken! Setz dich, Mutti, du bekommst auch einen starken Kaffee zum wach werden.“

Als letzte stolperte Alex in die Küche. Abgesehen davon, dass sie noch nicht ganz wach zu sein schien, sah sie auch aus, als hätte sie in ihren Klamotten geschlafen. „Tschuldigung“, murmelte sie, als sie beim Hinsetzen fast ein Marmeladenglas vom Tisch fegte.

„Alex? Alles in Ordnung?“ Niklas sah sie besorgt an.

„Was? Warum? Ja. Geht so. Man, hab ich eine Scheiße geträumt.“ Alex fischte ein trockenes Brötchen aus dem Korb und nagte daran herum. Nachdem ein Becher Kaffee ihre Lebensgeister halbwegs geweckt hatte, stand sie entschlossen auf. „Ich glaub, ich brauche eine Dusche. Und was anderes anzuziehen.“

Niklas nutzte die Zeit, um mit Ilse über die Weiterfahrt nach Bad Gandersheim zu beraten. Die Regionalbahn erschien als vernünftige Wahl bei dem Wetter. „Die fährt auch, unsere Bäckereiverkäuferin ist heute Morgen schon damit hergekommen“, schob Ilse letzte Zweifel an die Seite. „Das Mädel hat jetzt aber kaum was gegessen!“

Niklas verkniff sich ein Lachen. „Keine Angst, warte ab, bis sie geduscht ist und wieder sie selber.“

 

 

 

13. Türchen

Bahnhof Northeim, 23.12.2016, 10:00 Uhr

Es war ein Abschied zwischen Lachen und Weinen von Ilse und Lotte. Am Ende stand das Versprechen, auf jeden Fall einmal wiederzukommen.

„In 30 Minuten sind wir in Bad Gandersheim. Und wenn der Besuch nicht ganz so lange dauert, schaffen wir es bis 17:20 Uhr nach Braunschweig. Dann fährt der letzte Zug für heute Richtung Hamburg ab. Wir würden gegen 19:30 dort ankommen und ich würde noch eine Verbindung nach Kiel bekommen“, überlegte Niklas.

„Du und deine Planerei.“ Alex inspizierte ihr Lunchpaket, das Ilse zusammengestellt hatte. „Wir werden schon noch rechtzeitig da ankommen, wo wir hinwollen.“

Sie suchten sich Sitzplätze in der Regionalbahn. Gegenüber nahm ein Mann Platz, den sie schon am Bahnhof bemerkt hatten, weil er lautstark seine Familienprobleme am Handy diskutierte. Er hatte immer noch nicht aufgehört zu telefonieren.

„Mama, hör jetzt bitte auf damit, du erzählst jedes Jahr, dass das vielleicht dein letztes Weihnachten ist. Seit über 10 Jahren! Tina und ich fahren heute Abend nach Heiligenhafen und werden dort Weihnachten feiern. Dabei bleibt es! Das weißt du seit acht Wochen.“ Die gequälte Miene des Mannes zeigte Spuren von Verzweiflung. „Nein Mama, das stimmt nicht. Dein Blutdruck ist nicht schlimmer geworden.“ Er blickte Niklas und Alex entschuldigend an und zuckte die Schultern. „Mama, deine Nachbarn lästern immer, nicht nur wenn wir Weihnachten mal nicht da sind. Nein, du bist nicht alleine, Tante Margot ist doch da. Und jetzt reicht es mir, ich lege jetzt auf! Ich melde mich Heiligabend wieder. Machs gut!“ Entschlossen beendete er das Gespräch, ließ das Handy in seinen Schoss fallen, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Es dauerte nur Sekunden, bis es wieder klingelte. Der Mann warf einen kurzen Blick auf das Display und nahm das Gespräch an.

„Hallo Tina!“ Darauf schwieg er eine Weile und rutschte tiefer in seinen Sitz, so dass Niklas zu gern gehört hätte, was diese Tina zu sagen hatte.

„Nein, Tina, was denkst du denn, das war wieder meine Mutter wegen Weihnachten. Tina, ehrlich, das war meine Mutter!“ Dem Mann brach der Schweiß aus. „Du weißt, dass da nichts war, das hast du dir mit deiner elenden Eifersucht nur wieder eingeredet. Tina, hör jetzt auf damit!“

Alex grinste Niklas an.

Ihr Gegenüber bemerkte das nicht, er war vollkommen im Verteidigungsmodus. „Ehrlich Schatz, ich habe die Frau nie wieder getroffen und auch kein einziges Mal mit ihr telefoniert. Was sagst du? Nein, Whats App auch nicht. Tina, wir fahren doch heut Abend nach Heiligenhafen, freust du dich denn gar nicht darauf? Weihnachten an der Ostsee?“ Er wischte sich Schweiß von der Stirn. „Jetzt fang nicht wieder damit an! Was soll das heißen, du hattest noch gar nicht aufgehört? Dann kann ICH ja Weihnachten doch zu meiner Mutter fahren, da wolltest DU ja nicht hin. Tina, ich sagte zu meiner Mutter, nicht zu….Tina, sag nicht Schlampe zu ihr! Ich hatte wirklich nichts mit der Frau!“

Als die Bahn in Bad Gandersheim einfuhr, verließen Niklas und Alex beinahe fluchtartig den Zug, bevor sie auf dem Bahnsteig in schallendes Gelächter ausbrachen. „Zuviele Informationen“, jappste Niklas.

 

 

 

14. Türchen

Bad Gandersheim, 23.12.2016, 11 Uhr.

Alex zeigte auf ein graues Mehrfamilienhaus. „Sozialer Wohnungsbau aus den Sechzigern“, murmelte sie. „Da muss es sein.“

Niklas drückte ihr das weihnachtliche Blumenarrangement in die Hand, das er trotz ihrer Proteste am Bahnhof gekauft hatte. „Dann viel Spaß, du findest mich dort drüben in dem Café.“

„Du kommst nicht mit?“ Alex sah ihn flehend an. „Bitte! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, wenn sie aufmacht und du kannst dich immer so toll ausdrücken.“

„Jetzt hör aber auf“, amüsierte sich Niklas. „Du quasselst doch sonst jeden an, ohne Rücksicht auf Verluste.“

„Aber bei der Marianne geht mir gerade der Arsch auf Grundeis. Vielleicht will sie mich ja auch gar nicht sehen? Oder sie ist gar nicht zuhause? Oder sie hat vergessen, wer ich bin?“

Niklas unterdrückte ein Lachen und nahm sie in den Arm „Keine Angst, wer dir einmal begegnet ist, vergisst dich nicht.“

Alex boxte ihn in die Seite. „Hör auf, dich lustig zu machen, die Sache ist ernst. Lass uns zum Bahnhof zurückgehen, dann sind wir früher in Hamburg.“ Sie machte sich von Niklas los und stapfte zielstrebig in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Nach einigen Metern fiel ihr auf, dass Niklas ihr nicht folgte. Als sie sich umdrehte, ging er gerade auf das graue Haus zu. „Niklas! Warte! Das kannst du nicht machen!“ Sie rannte zu ihm zurück und erreichte ihn in dem Moment, als er den Klingelknopf drückte.

„Ich bring dich um“, knurrte sie, als der Summer ertönte.

Sie stiegen in den ersten Stock. Dort war eine Tür leicht geöffnet und eine grauhaarige Frau guckte vorsichtig über eine vorgelegte Sicherheitskette in den Flur. „Wer sind sie?“

Alex, die sich bis dahin hinter Niklas versteckt hatte, schob sich an ihm vorbei. „Marianne? Ich bins, Alexandra!“

„Alexandra? Das ist aber eine Überraschung.“ Die Stimme der Frau klang tonlos und strafte ihre Worte Lügen. Sie machte keine Anstalten, die Tür zu öffnen und die beiden hereinzubitten. Ihr Gesicht spiegelte Verwirrung wider. „Was machst du denn hier?“ Hinter ihr mauzte eine Katze. Durch den Türspalt drang ein beißender Geruch aus der Wohnung nach draußen. Es roch nach vergammeltem Essen, Schimmel, Katzenurin und Zigarettenqualm.

Niklas wich angeekelt zurück, während Alex fassungslos wie angewurzelt stehenblieb. Er nahm ihr die Blumen aus der Hand und legte sie auf die Fußmatte vor der Tür. „Entschuldigen Sie die Störung, wir waren zufällig in der Gegend und Alex wollte Ihnen nur ein schönes Weihnachtsfest wünschen. Wir gehen dann mal wieder, auf Wiedersehen!“ Niklas legte den Arm um Alex und zog sie mit sich Richtung Treppe. Sie ließ es willenlos geschehen.

Draußen holte er tief Luft und Alex kam langsam wieder in der Realität an. „Was ist denn mit der passiert?“ Alex schüttelte sich. „Ich hatte ja einkalkuliert, dass ich vielleicht nicht auf ungeteilte Freude stoße, wenn ich da so einfach auftauche, auch wenn ich es irgendwie gehofft hatte. Aber sowas?“

Niklas nickte. „Und mach dir keine Vorwürfe, es lag nicht an dir. Diese Frau hat ganz andere Probleme.“

„Als sie aus Wandsbek wegging, gab es Gerüchte, es wäre ein Burnout. Damals habe ich es nicht geglaubt.“

„Sie hat offenbar vollkommen den Boden unter den Füßen verloren“, stimmte Niklas ihr zu. Er hatte schon sein Smartphone in der Hand und tippte in das Suchfeld Sozialpsychiatrischer Notdienst Bad Gandersheim ein.

 

 

 

15. Türchen

Bad Gandersheim, 23.12.2016, 13 Uhr

Das Essen in dem jugoslawischen Restaurant war ausgezeichnet und es verlief zunächst schweigend. Niklas und Alex hingen beide ihren Gedanken nach.

Niklas räusperte sich. „Um 14:47 Uhr geht der Zug nach Braunschweig. In Seesen müssen wir umsteigen. Hoffentlich hält das Wetter, wir haben aktuell Temperaturen um den Gefrierpunkt und es ist Regen angesagt.“

„Auweia“, Alex verschluckte sich fast. „Das kann ja richtig heiter werden.“

„Naja, Seesen soll ja auch sehr schön sein“, unkte Niklas. „Und du findest bestimmt eine Unterkunft für uns oder einen Pferdeschlitten nach Braunschweig.“

„Und die Pferde bekommen dann Spikes, sonst können sie auf dem zentimeterdicken Eispanzer nicht laufen“, frotzelte Alex zurück.

„Zentimeterdicker Eispanzer? Mal den Teufel nicht an die Wand!“ Niklas sah sie entsetzt an.

Alex Prophezeiungen trafen ins Schwarze. Als sie nach nur 10 Minuten Fahrt in Seesen ankamen, hatte ein heftiger Regen eingesetzt. Binnen Sekunden waren Züge, Bahnsteig und Oberleitungen vollkommen vereist. Sie flüchteten in einen kleinen Warteraum des Bahnhofs, der aber außer einem verwaisten Schalter der Bahn nichts hergab.

„Wie trostlos“ murmelte Niklas, als er vom Eingang aus auf den Bahnhofsvorplatz blickte. „Hier ist ja der Hund begraben.“

„Was erwartest du bei Eisregen?“

„Hast ja Recht“, gab Niklas zu. „Hey, wo willst du hin, wieder nach Möglichkeiten suchen? Sei vorsichtig!“

Aber Alex hatte schon schlitternd das Gebäude verlassen. Mit ihrem großen Koffer in der Hand sah das sehr waghalsig aus. Sie drehte sich zu Niklas um. „Im Bahnhof stehenbleiben und auf besseres Wetter warten, bringt es auch nicht!“ In diesem Moment verlor sie auch schon den Halt auf dem spiegelglatten Untergrund und rutschte über eine völlig vereiste Bordsteinkante aus. Ihr Koffer entglitt ihr. Sie schaffte es, sich mit den Händen abzustützen und soweit Halt zu finden, dass sie nicht noch mit dem Kopf auf den Boden prallte. Trotzdem schrie sie auf vor Schmerz.

Niklas nahm seinen Trekking-Rucksack ab und folgte ihr vorsichtig. „Alex? Hast du dich verletzt?“

Sie hielt ihr linkes Handgelenk mit der rechten Hand fest. Tränen liefen ihr über die Wangen. „Meine Hand, ich glaube, die ist gebrochen“, wimmerte sie. „Und mein Arsch…ich meine mein Po tut total weh.“

Niklas kniete sich neben sie und zog sie so gut und vorsichtig wie es ging, auf seinen Schoß und gegen seinen Körper, um sie zu wärmen. Dann holte er sein Handy raus und wählte den Notruf. Es dauerte ziemlich lange, bis der Krankenwagen kam und so trug er sie die paar Meter zurück ins Bahnhofsgebäude. Später erfuhren sie, dass es an diesem Tag so viele Unfälle und Stürze gegeben hatte, dass die Notfallretter kaum noch hinterher gekommen sind.

 

 

 

16. Türchen

Seesen, 23.12.2016, 19 Uhr

Alex lag seitlich auf dem Bett des kleinen Pensionszimmers, um ihr geprelltes Steißbein zu entlasten. Dabei stützte sie sich auf ein Kissen unter ihrem linken Arm. Das Handgelenk war bandagiert und Alex bemühte sich, es möglichst ruhig zu halten. Glücklicherweise war es nur verstaucht, so dass sie das Krankenhaus nach eingehender Untersuchung wieder verlassen durfte. Man gab ihr noch Schmerztabletten mit, die sie aber vor dem Krankenhaus gleich in einen Mülleimer geworfen hatte.

Niklas bemerkte zufrieden, dass es ihr so schlecht nicht gehen konnte, da ihr Appetit offenbar nicht gelitten hatte. Mit der rechten Hand schaufelte sie das Chinesische Essen in sich rein, das Niklas bei einem Imbiss in der Nähe aufgetrieben hatte. Das Zimmer im eigentlich zu dieser Jahreszeit völlig ausgebuchten Harz hatten sie Dank der Vermittlung einer netten Krankenschwester ergattert.

Draußen fing das Eis an zu tauen und es tropfte von Dachrinnen und Bäumen. Vor etwa zwei Stunden hatte sich der Wind plötzlich gedreht und es wurde merkbar milder. „Komisches Wetter hier“, murmelte Alex. „Dass sich das so schnell ändern kann.“

„Gut für uns“, stimmte Niklas ihr zu. „Dann können wir morgen weiter und sind hoffentlich Heiligabend dort, wo wir sein wollen. Diese Reise war ganz schön schräg.“

Alex musste lachen. „Versteh ich nicht, mir passieren ständig Sachen, die ich so nicht geplant hatte.“

„Warum wundert mich das jetzt nicht? Ich ruf jetzt erst einmal wieder meine Großeltern an. Die müssen auch schon sonstwas denken.“

„Vielleicht sollte ich auch mal die Steffi anrufen. Was meinst du?“ Alex wurde nachdenklich. „Bei ihr werde ich wohnen, solange ich in Hamburg bin.“

Niklas schüttelte den Kopf. „Mich wundert eigentlich, dass ihr die ganzen letzten Tage keinen Kontakt hattet, obwohl du zu ihr fährst.“

„Naja, Steffi weiß, dass ich komme und sie kennt mich gut genug, um zu wissen, dass ich gern mal ein paar Umwege nehme, wenn irgendwas meinen Weg kreuzt. Und sie weiß auch, dass ich schon irgendwann ankomme.“

„Schön, dass du solche Freunde hast. Wie lange kennt ihr euch schon?“

„Sie war meine erste Freundin, als das Jugendamt mich mit fünf Jahren von meiner alkoholkranken Mutter wegholte und ins Heim brachte. Ich habe nächtelang nur geheult, weil ich mich so alleine fühlte. Sie war schon so lange dort, dass sie sich nicht mal mehr an ihr richtiges Zuhause erinnern konnte und ist zu mir ins Bett gekrochen und hat mich in den Arm genommen. Hast du keine solche alte Freunde?“

Niklas streckte sich neben ihr auf dem Bett aus. „Ich habe die ersten sechzehn Jahre meines Lebens in sieben verschiedenen Ländern verbracht. Immer wenn ich mich mit jemanden angefreundet hatte oder in einer Clique aufgenommen war, sind wir weitergezogen. Als ich in die Oberstufe kam und in Kiel sesshaft wurde, entstanden einige Freundschaften, aber nach dem Abitur verteilten wir uns wieder in ganz Deutschland. So gesehen, waren die auch nur von kurzer Dauer. Und daher nicht besonders tief.“

 

 

17. Türchen

Seesen, 24.12.2016, 1:26 Uhr

„Niklas? Schläfst du?“

„Was? Ja. Nein. Was ist los?“

„Die Heizung gluckert so.“

„Das machen Heizungen manchmal.“

„Stört dich das nicht?“

„Nein, bis eben habe ich wunderbar geschlafen.“

„Habe ich dich geweckt?“

„Ja, hast du. Roll dich ein und versuch auch zu schlafen.“

„Ok. Hörst du den Fernseher?“

„Welchen Fernseher?“

„Es läuft der Fernseher im Nachbarzimmer. Vielleicht ist da jemand sehr einsam, wenn er um diese Uhrzeit Fernsehen guckt.“

„Möglich. Geh doch rüber, vielleicht freut sich der Nachbar über ein nächtliches Gespräch.“

„Du nicht?“

„Ehrlich gesagt: Nein. Ich würde jetzt gern weiterschlafen.“

„Also ich rede nachts gern. Da sind die Gedanken so klar, weil die ganzen Alltäglichkeiten ausgeblendet werden und irgendwie nicht mehr so wichtig sind. Ich denke die letzten Tage viel über Weihnachten nach. Darüber, wie verschieden wir die Feiertage wahrnehmen und wie sehr sie mit den Erinnerungen an unsere Kindheit verbunden sind. Und wie viel Hoffnung auf Frieden und Liebe die Menschen an diesen Tag knüpfen.“

„Alex!!!“

„Was denn?“

„Ich finde es toll, dass du dir solche Gedanken machst. Ich würde auch gern mit dir darüber reden. Aber könnten wir das auf morgen, nee heute, auf die Zeit nach dem ersten Kaffee vertagen?“

„Na gut.“

„Prima. Danke. Schlaf gut!“

„Kann ich nicht, mein Handgelenk tut weh.“

„Du hast doch die Tabletten bekommen, nimm eine.“

„Die habe ich weggeschmissen.“

„Du hast was?“

„Ja, war doof.“

„Da hast du Recht.“

„Du, Niklas?“

„Was?“

„Heute Nachmittag trennen sich unsere Wege.“

„Viel Spaß und tolle Weihnachten in Hamburg!“

„Mehr fällt dir dazu nicht ein?“

„Nicht um diese Uhrzeit.“

„Aber wenn ich dich jetzt schlafen lasse, denkst du vielleicht noch einmal drüber nach und es könnte dir dann morgen früh – nach dem ersten Kaffee – vielleicht doch leidtun, dass unser Weg zu Ende ist?“

„Wäre möglich. Gib mir die Chance.“

„Ok. Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

 


18. Türchen
Seesen, Abfahrt der Regionalbahn nach Braunschweig , 24.12.2016, 9:13 Uhr

Alex knöpfte den bunten Wollmantel auf. „Je weiter wir nach Norden kommen, umso milder wird es.“
Niklas half ihr aus dem Mantel, als sie mit der bandagierten Hand nicht weiter kam und ihn hilfesuchend ansah. „Damit haben wir aber die besten Chancen, heute noch anzukommen. Immerhin ist schon Heiligabend. Nachher haben wir in Hannover noch etwas Aufenthalt und der Bahnhof liegt direkt in der City. Ich werde dort noch ein paar Einkäufe machen.“
„Scheiß Hanoi“, tönte es vom Sitz gegenüber. Der tätowierte Mann mit dem blau-gelben Eintracht Braunschweig Schal, prostete den beiden mit einer Bierdose zu. „Braunschweig rulez!“
Er nahm einige lange Schlucke von seinem Bier, dabei wippte der Feldschlösschen-Spoiler oberhalb seiner Gürtellinie auf und ab. Durch den gehobenen Arm mit der Dose hatte sich das Braunschweig-Trikot nach oben gezogen und gab den Blick bis zum nackten, von dunkelgeringelter Körperbehaarung umrahmten, Bauchnabel frei. Dann stand der Mann auf und wankte Richtung Zug-Toilette.
Alex sah Niklas fragend an. Der grinste. „Hannover96 und Eintracht Braunschweig, besser gesagt einige Fans dieser Vereine, sind Erzrivalen und leben in einer Dauerfehde. Das fängt an beim Abbrennen der jeweils gegnerischen Vereinsfahnen und geht über das an den Galgen hängen von Puppen mit dem Trikot des anderen Vereins bis zu gewalttätigen Krawallen.“
„Nur wegen Fußball?“ Alex schüttelte den Kopf.
Der Fan kehrte zurück und griff in die Tasche, die er auf seinem Platz stehen lassen hatte. Er beförderte eine weitere Bierdose ans Tageslicht und bot sie Niklas an.
Der lehnte freundlich ab. „Danke, ich habe gerade gefrühstückt.“
Die Hand mit der Dose wanderte weiter zu Alex, aber auch die schüttelte den Kopf.
„Na, dann nicht. Ich bin übrigens der Kevin“, stellte sich der Mitreisende vor. „Und Braunschweiger. Immer gewesen. Und werd ich immer bleiben!“ Er riss die Dose auf und nahm den nächsten langen Schluck.
„Im Hinspiel hätten wir Hannover fast geschlagen! Das war nur Glück, dass die noch den Ausgleich geschafft haben. Aber in der Rückrunde da machen wir die alle! In ihrem eigenen Stadion!“
„Und dann steigt Braunschweig auch wieder auf?“ Niklas sah ihn interessiert an.
„Ja, na sicher! Wir gehören doch eigentlich schon seit Jahren in die erste Liga – und nicht die Scheißer aus Hanoi! Ey, wir waren immerhin 1967 Deutscher Meister!“
Alex biss sich auf die Lippe. „Das ist aber fast ein halbes Jahrhundert her!“
„Na und? Das kommt nochmal wieder. Das schwör ich dir!“

 

 

 

19. Türchen

Westfalenbahn von Braunschweig nach Hannover, 24.12.2016, 10:30 Uhr

„Wo sind wir denn hier?“ Alex blickte suchend aus dem Fenster.

„Vechelde“, antwortete Niklas. „Aber keine Ahnung, was jetzt wieder los ist, die Durchsage eben sprach ja nur von technischer Störung.“

„Technische Störung“, knurrte Alex. „Das sagen die bei der Bahn immer, egal ob das Klo verstopft ist, die Bremsen klemmen oder sie eine Ratte im Führerhaus haben.“

Niklas lachte. „Das stimmt. Oh, wir fahren an, es geht weiter.“

Es ging weiter, aber nur langsam. Nur zwei Minuten später ertönte wieder die Stimme aus den Lautsprechern. „Aufgrund einer technischen Störung bremst der Zug auf offener Strecke. Wir müssen den Zug neustarten, um zu versuchen das Problem zu beheben. Dabei werden auch Licht und Heizung abgeschaltet.“

Der Zug kam zum Stehen und wurde heruntergefahren. Das Licht war aus und alle Zuggeräusche waren verklungen. Die junge, blonde Frau auf dem Sitz gegenüber stand auf und zog ihre Jacke an. Sie hatte offenbar Alex fragenden Blick bemerkt. „Das passiert auf dieser Strecke gelegentlich mal, ich pendle hier jeden Tag und habe es schon öfter erlebt. Dauert nicht lange, aber wenn die Heizung aus ist, kühlt es hier blitzschnell aus“, erklärte sie.

„Danke für die Info!“ Niklas griff zu Alex Wollmantel und seiner Jacke. „Ich dachte, nur die Autobahn zwischen Braunschweig und Hannover wäre so eine Katastrophe. Die A2 kommt ja fast täglich mit tödlichen Unfällen in die Nachrichten.“

„Das stimmt leider“, nickte seine Gegenüber. „Vom Vorwärtskommen her macht es oft nur wenig Unterschied, ob man Auto oder Bahn nimmt. Aber wenigstens ist die Bahn sicherer. Wenn die nicht gerade den Zug resetten kommt es auch mal zu klemmenden Türen oder Selbstmördern auf der Strecke.“

Niklas hatte bereits aus den Augenwinkeln bemerkt, dass Alex seine Unterhaltung mit der hübschen, jungen Frau nicht sonderlich passte. Offenbar hatte sie nun beschlossen, sich in Erinnerung zu bringen und schaltete sich in das Gespräch ein. „Wie tragisch, passiert das hier so oft?“

Die fremde Frau nickte. „Auf jeden Fall zu oft und in der Vorweihnachtszeit waren es jetzt glaube ich drei Leute. Ich finde das schlimm, wenn Menschen so einsam oder verzweifelt sind, dass sie keinen anderen Ausweg mehr wissen.“

In das betretene Schweigen der drei schwollen die Zuggeräusche an und das Licht war plötzlich auch wieder da. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung und fuhr ohne weitere Zwischenfälle bis Peine, wo die junge Mitfahrerin sich verabschiedete und ausstieg.

Alex grübelte vor sich hin.“Eigentlich komisch, dass ich es geschafft habe, oder? Sieh mal, meine Startbedingungen waren echt scheiße, aber ich war nie so weit unten, dass ich auf die Idee gekommen wäre, mich umzubringen.“

Niklas zog sie in seinen Arm. „Und das ist auch gut so.“

„Hast du es dir denn jetzt anders überlegt? Bist du vielleicht doch ein wenig traurig, wenn sich unsere Wege in Hamburg trennen?“

Niklas sah sie verschmitzt an. „Mal ehrlich, war das Kaffee heute Morgen in der Pension? Das waren zwei Löffel Kaffeepulver auf drei Liter Wasser. Aua!“

Alex hatte ihm ihren Ellenbogen in die Rippen gerammt.

 

 

 

20. Türchen

Hannover, 24.12.2016, 12:00 Uhr

Alex drückte sich die Nase an dem weihnachtlichen Schaufenster von Galeria Kaufhof gegenüber dem Hannoverschen Bahnhof platt. „Oh, guck mal. Die ganzen Teddys bewegen sich. Und da drüben! Da ist lauter Playmobil im Fenster aufgebaut und die ganzen Aufbauten drehen sich. Ist das schön!“

Niklas musste über Alex Begeisterung lachen. „Hey du Weihnachtsfan, jetzt schimpf aber nie wieder über eine Barbie mit fliegender Katze! Kommst du mit rein? Die machen um 14 Uhr zu.“

Alex schüttelte den Kopf. „Geh ruhig, ich gucke hier noch ein wenig. Ist der Teddybär da nicht süß? Der ist so schön flauschig.“

„Und hat einen Knopf im Ohr. Ich geh dann mal rein, kann ein wenig dauern.“

Als Niklas nach 45 Minuten – länger brauchen Männer für einen kompletten Weihnachtseinkauf nicht – mit drei großen Tüten das Kaufhaus wieder verließ, sah er sich suchend nach Alex um. Er entdeckte sie auf einer Bank, wo sie mit einer gepflegt wirkenden Frau von ungefähr Mitte 30 saß. Die Frau weinte und Alex hielt ihre Hand.

„Alex? Alles in Ordnung?“ Er blickte sie unsicher an.

„Bei mir ja, aber Melanie hat ein Problem.“ Sie drückte der Frau die Hand.

Diese machte Anstalten aufzustehen. „Entschuldigen Sie“, schniefte sie in Niklas Richtung. „Ich möchte Sie heute am Heiligabend nicht vollheulen und aufhalten. Ihre Freundin war eben so nett, mich aufzusammeln, als ich mitten in der Stadt einen Heulkrampf hatte.“

Ja, so kannte Niklas Alex inzwischen. Er drückte die Frau sanft an der Schulter wieder auf die Bank und nahm dort ebenfalls Platz. „Ein bisschen Zeit haben wir noch, innerhalb der nächsten Stunde fahren drei ICE nach Hamburg.“

„Ach, eigentlich sind meine Probleme ja winzig klein“, seufzte Melanie. „Andere Menschen haben da viel mehr Sorgen. Aber es ist nun mal Weihnachten. Ich musste bis eben arbeiten, wissen Sie. Ich arbeite im Einzelhandel. Und mein Sohn Lucas, er ist 10 Jahre alt, ist dieses Jahr Heiligabend bei seinem Vater. Wir sind geschieden.“ Sie schluckte. „Ist ja eigentlich auch ok, denn letztes Jahr war er Heiligabend zuhause. Also bei mir. Und dieses Jahr musste ich sowieso arbeiten. War also auch noch praktisch so.“ Melanie wirkte nun schon viel gefasster.

Alex nickte. „Trotzdem ist es Mist, wenn man Heiligabend nicht mit den Menschen zusammen sein kann, die man liebt. Ich würde dich ja für heute Abend einladen, aber ich wohne weiter weg.“ Sie zwinkerte Melanie zu.

Alex gab ihr noch ihre Handynummer und bot ihr an, sie jederzeit anzurufen, wenn sie wieder traurig werden würde. Nach einer herzlichen Umarmung verabschiedeten sie sich voneinander.

Niklas und Alex stiegen in den ICE 2374 um 13:59 nach Hamburg. Der Zug war völlig überfüllt und so blieb ihnen für die nächsten 90 Minuten nur ein Stehplatz im Gang. Alex setzte sich auf ihren großen Koffer und Niklas versuchte mit seinem Rucksack und den drei Kaufhof-Tüten möglichst wenig Platz zu beanspruchen, was nicht einfach war.

 

 

21. Türchen

Hamburg, 24.12.2016, 15:30 Uhr

„Wahnsinn, nur eine Minute Verspätung. Dann schaffe ich gleich den RE um 15:43 nach Kiel und bin um 17 Uhr dort.“ Niklas wuchtete Alex Koffer aus dem Zug und stellte ihn neben seinen Einkaufstüten auf dem Bahnsteig ab. „Dann habe ich zwar das Krippenspiel schon verpasst, aber das wird sowieso erst interessant, wenn Jule irgendwann selbst mitspielt. Wenigstens zum Essen bin ich rechtzeitig da. Mein Großvater holt mich vom Bahnhof ab“, freute er sich. „Und wann fährt deine Bahn nach Wandsbek?“ Er drehte sich zu Alex um und sah in ein ungewohnt ernstes und nachdenkliches Gesicht.

„Egal“, winkte sie ab. „Die fährt alle halbe Stunde. Sieh lieber zu, dass du zu deinem Zug kommst, du hast nicht viel Zeit. Deine Familie wartet.“ Sie biss sich auf die Unterlippe.

Niklas ließ den Rucksack, den er sich gerade auf den Rücken setzen wollte, wieder zu Boden sinken und streckte Alex eine Hand entgegen. „Komm mal her, Alexandra.“ Er zog sie ganz dicht an sich heran und umschloss sie fest mit beiden Armen. Der Trubel um sie herum verschwand wie hinter einer Lärmschutzwand. Langsam senkte er seinen Kopf zu ihr runter und flüsterte ihr ins Ohr „Natürlich wirst du mir fehlen.“

Er spürte, wie sich ihr Körper in seinen Armen entspannte. „Danke“, flüsterte sie. „Danke, dass du mir die Vorfreude auf Weihnachten zurückgegeben hast. Ach, Danke für alles!“ Eine Träne kullerte über ihre Wange.

Niklas schluckte. „Ich habe dir zu danken für drei wundervolle Tage. Ohne dich hätte ich eine Menge verpasst.“

Sie sah zu ihm hoch. „Wir sehen uns im Januar in München an der Uni wieder?“

Niklas nickte. „Ganz sicher. Dann komme ich dich in deinen Kreisen besuchen und deine Freunde werden dich fragen, wo du diesen Spießer aufgegabelt hast.“

Alex musste lachen. „Und bei meinem Gegenbesuch in deinen Kreisen wirst du gefragt, wo du die Irre her hast!“

Niklas bückte sich, zog den flauschigen Teddybär mit Knopf im Ohr aus einer seiner Tüten und gab ihn Alex. „Der Bursche passt so lange auf dich auf, wie ich nicht da bin. Fröhliche Weihnachten!“

Noch einmal zog er sie für einen liebvollen Abschiedskuss an sich. „Danke“, schniefte Alex.

Von der Seite näherte sich eine junge Frau mit kurzen, feuerroten Haaren und stürzte sich auf Alex. „Mensch, da bist du ja endlich!“

Alex fiel ihr um den Hals „Steffi! Danke, dass du mich abholst.“

Steffi musterte Niklas ungeniert. „Wer ist das? Wo hast du denn dieses Prachtexemplar her?“

„Der ist mir sozusagen vom Bahnhof aus nachgelaufen“, lachte Alex.

„Ich wollte nur sagen, ich kann euch hören!“ amüsierte sich Niklas und sah auf die Uhr. „Verdammt, ich muss noch ein Gleis weiter.“ Er schnappte sich seinen Rucksack und die Tüten, umarmte beide Mädels und lief Richtung Treppe. Dort drehte er sich noch einmal kurz um und winkte. „Frohe Weihnachten und macht nicht ganz so viel Blödsinn!“ Er überlegte kurz. „Achwas, macht schön viel Blödsinn und amüsiert euch!“

Dann lief er die Treppe hinunter.

22. Türchen

Hamburg, 24.12.2016, 15:43 Uhr

Im letzten Moment war Niklas in den Regionalexpress gesprungen und er würde in Neumünster noch einmal umsteigen müssen. Der Zug war recht leer, um diese Zeit an Heiligabend waren nicht mehr viele Leute unterwegs. Niklas suchte sich ein leeres Vierer-Abteil und machte es sich dort bequem. Eine bleierne Müdigkeit überkam ihn und er schloss die Augen. Die letzten Tage waren aufregend, aber auch anstrengend gewesen. Er hatte Sachen erlebt, mit denen er niemals gerechnet hatte und ihm sind Menschen begegnet, die sein Herz berührt haben. Allen voran Alexandra. Er sah sie vor sich, wie sie eben auf dem Bahnsteig stand; winkend und den Teddy an die Brust gedrückt.

Der ältere Mann, der sich schnaufend auf den Sitz ihm gegenüber fallen ließ, holte Niklas in das Hier und Jetzt zurück. Der Mitreisende schien in seiner dicken, alten Daunenjacke zu schwitzen und hielt ein in zerknittertes Blümchenpapier gewickeltes Päckchen in den Händen.

Niklas nickte ihm freundlich zu. „Fröhliche Weihnachten.“ Plötzlich fiel ihm die alte Dame ein, die er zwischen München und Fulda kennengelernt hatte und bevor er sich versah, rutschte ihm noch ein „Auch auf dem Weg zur Familie?“ raus.

Der Mann zuckte wie ertappt zusammen und antwortete mit einem stummen Nicken.

Als Niklas die Augen schon wieder schließen wollte, murmelte der Mann doch noch eine Antwort. „Danke. Ebenso. Will zu meinem Sohn.“

„Na, dann wünsche ich Ihnen einen schönen Abend!“ Als wieder keine Antwort kam und der Mann nur abwesend aus dem Fenster starrte, schloss Niklas erneut die Augen.

„Die Schwiegertochter wollte nicht, dass ich früher komme. Hat ihre Eltern zum Mittagessen da gehabt und für die bin ich nicht gut genug. Dieses Jahr darf ich Heiligabend kommen, sonst sind die immer da. Aber dieses Jahr müssen die Eltern zu so einer wohltätigen Veranstaltung. Ha! Als ob die wüssten, was Wohltätigkeit ist. Und die Enkeltochter ist ja auch schon bald erwachsen.“ Der Mann war ins Reden gekommen. „Der ist auch völlig egal, ob der Opa da ist oder nicht. Laura-Sophie sitzt sowieso nur den ganzen Tag mit einem Tablett in der Ecke.“

‚Tablet‘ korrigierte Niklas stumm und suchte nach den passenden Worten. „Das ist sehr schade“, setzte er an. „Vielleicht ist ja der heutige Tag eine Chance für einen Neubeginn in Ihrer Beziehung?“

Der Mann machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich passe da nicht rein. Bin froh, wenn ich nachher wieder zuhause bin.“ Er klang verbittert.

Niklas wünschte sich in diesem Moment nichts mehr als Alex an seiner Seite. Er fühlte sich hilflos und flüchtete in Zweckoptimismus. „Ich wünsche Ihnen trotzdem einen schönen Abend. Vielleicht gibt es ja wenigstens ein leckeres Essen. Machen Sie das Beste draus!“ Er zwinkerte seinem Gegenüber zu.

Der Mann nickte.

Der Rest der gemeinsamen Fahrt verlief schweigend bis beide in Neumünster den Zug verließen und sich mit knappen Worten voneinander verabschiedeten.

 

 

 

23. Türchen

Kiel, 24.12.2016, 17:01 Uhr

Als Niklas den Zug verließ, traute er seinen Augen nicht. Plötzlich klammerte sich seine Nichte Jule an sein Bein und seine Mutter hing ihm um den Hals. Seine Eltern waren dort, seine Schwester mit Mann und Kind und sein Opa, um ihn abzuholen. Er schluckte und versuchte die Tränen zurückzuhalten, während er Einen nach dem Anderen umarmte. Opa entschuldigte seine Frau. „Die Oma bereitet das Essen vor.“

Als sie später alle zusammen am Esstisch saßen, erzählte Niklas von seiner Fahrt und erntete abwechselnd ungläubiges Staunen und lautes Gelächter. Jule beschloss auch gleich, dass Niklas sie mal mit zu Hanna und den Ziegen nehmen muss. Niklas Geschenk saß auf ihrem Schoß und sie war mächtig stolz, denn das war ihre erste Barbiepuppe. Ihre Mutter hatte nur gefeixt, ob sie denn dafür nicht noch ein wenig zu jung sei, aber das hatte Jule entrüstet zurückgewiesen. Die Familie war gerade beim Dessert angekommen, als es an der Tür klingelte.

„Nanu?“ staunte Oma. „Wer ist denn das jetzt am Heiligen Abend?“

„Ich geh schon!“ Niklas erhob sich und ging zur Tür. Vor der Tür stand die Nachbarin Renate und hinter Niklas war inzwischen Oma aufgetaucht, die ihre Neugierde doch nicht bezähmen konnte. Renate war ganz offenbar neben der Spur, ihre Haare hatten sich aus dem einst kunstvollen Knoten am Hinterkopf gelöst und standen wirr vom Kopf ab und in ihrem Gesicht waren Rußspuren. In den Händen hielt sie einen großen Kochtopf. Niklas starrte sie entgeistert an, als Renate stockend begann an ihm vorbei mit seiner Oma zu reden. „Hildchen, es tut mir so leid, dass ich euch am Heiligabend stören muss. Kannst ich bei dir unsere Gulaschsuppe warm machen, damit wir wenigstens was Heißes zu essen haben?“

Niklas drehte sich zu seiner Oma um, der ein Fragezeichen im Gesicht stand. Renate setzte zu einer weiteren Erklärung an, als Niklas die frierende Frau erst einmal in den Flur zog und ihr den offensichtlich sehr schweren Topf abnahm. Mit dem Fuß schob er die Tür zu.

„Weißt du Hildchen“, nahm Renate ihren Faden wieder auf. „Wir hatten vorhin einen Kurzschluss in der Lichterkette und jetzt haben wir keinen Strom mehr. Es hat auch ein bisschen gebrannt, aber mein Rudi hat das mit dem Feuerlöscher selbst hinbekommen. Die Feuerwehr war aber gerade noch einmal da und hat geguckt, ob nun wirklich alles aus ist. Ist nicht viel passiert, nur der Tannenbaum und die Gardine. Und das Deckchen auf der Sofalehne, aber das Ding mochte ich sowieso nie. Nur Rudi wollte das da haben, weil das doch seine Mutter, der alte Besen – Gott hab sie selig - gehäkelt hatte. Und im Moment kriegen wir keinen Elektriker, ist auch schon ganz schön runter gekühlt bei uns, die Therme im Keller ist ja auch aus. Wenn du uns nur bitte die Suppe warm machst?“

Omas Mundwinkel zuckten verdächtig. „Niklas, bring mal den Topf in die Küche und mach den Herd an. Und heiz den Backofen vor, im linken Schrank sind noch Aufbackbrötchen.“ Dann drehte sie sich wieder zu ihrer Nachbarin um. „Renate, hol den Rudi rüber, ihr esst hier. Und bring Sachen mit, ich habe zwar schon reichlich Übernachtungsgäste, aber das Haus ist ja groß genug, für euch finden wir auch noch einen Schlafplatz.“

Opa, inzwischen von Niklas aufgescheucht, tauchte im Flur auf und nickte. „Wir haben doch noch Campingliegen im Keller, die bauen wir auf.“

Niklas schüttelte nur noch den Kopf. „Warum wundert mich bloß gar nichts mehr?“

 

 

 

24. Türchen

Heiligabend, 21 Uhr

 

In Kiel saß Niklas Familie mit Renate und Rudi im Wohnzimmer. Die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten und der Kamin spendete eine behagliche Wärme. Auf dem Tisch standen Becher voll Glögg mit Schuss und für Jule eine Tasse heißer Kakao. Dazu gab es selbstgebackene Plätzchen. Die Stimmung war fröhlich und auch Renate und Rudi konnten über ihre weihnachtliche Katastrophe schon wieder lachen.

 

In Neumünster starrte Laura-Sophie irritiert auf ein 500-Teile-Puzzle mit Hello Kitty Motiv. Neben ihr lag zerknittertes Blümchen-Geschenkpapier und in ihr reifte der Gedanke, im nächsten Jahr den Opa mal wieder öfter zu besuchen, um ihn auf den aktuellen Stand der Dinge zu bringen.

 

In Hamburg saß Alex mit Jugendlichen an einem großen Tisch und spielte mit ihnen Karten. Einige der größeren Jungs hatten provozierend Poker gefordert. Nachdem Alex Runde um Runde gegen sie gewonnen hatte, waren sie kleinlaut damit einverstanden, auf Rommé zu wechseln. Auf die Idee, dass die Gedanken der verrückten jungen Frau mit den Dreadlocks und dem Teddy auf dem Schoß, die da heute mit ihnen spielte, ganz woanders sein könnten, wären sie nie gekommen.

 

In Hannover hatte sich Melanie mit einer Wolldecke auf das Sofa gekuschelt. Auf dem Schoß balancierte sie eine Familienpackung Schokoladeneis, aus der sie gedankenverloren löffelte, während sie sich einen Bollywood Film ansah. Auf dem Tisch neben ihr stand eine Kleenex-Packung und vor dem Sofa lagen lauter zerknüllte Tücher.

 

In Braunschweig lag Kevin nach der feuchtfröhlichen Heiligabendfeier mit einigen Kumpels schon sehr früh in der neuen Eintracht Braunschweig Bettwäsche, die ihm der Weihnachtsmann gebracht hatte. Er ahnte noch nicht, dass ihm die ungewaschene Bettwäsche am nächsten Tag einen Hautauschlag am ganzen Körper bescheren würde.

 

In Bad Gandersheim nahm eine Pflegerin die Hand ihrer Patientin. „Machen Sie sich keine Sorgen, Marianne, die Katzen sind in guten Händen.“ Neben ihr auf dem Tischchen stand ein weihnachtlicher Blumenstrauß, der vor der Tür der Frau gelegen hatte.

 

In Heiligenhafen saß ein Mann vor einer einsamen Kerze in der Ferienwohnung. Langsam dämmerte ihm, dass Tina wohl nicht mehr kommen würde. Sein Handy zeigte nur 34 verpasste Anrufe seiner Mutter. Keinen von Tina.

 

In Northeim saßen Ilse und Lotte mit einem Glas Punsch am Kamin. Ilse dachte an die beiden netten jungen Leute, die so kurz vor Weihnachten wie eine frische Brise ins Haus geweht waren und Lotte dachte an Ostpreußen.

 

In Göttingen entspannten Günther und seine Frau bei einem Glas Rotwein im Wohnzimmer. Die Kinder waren mit den hundemüden, kleinen Enkeln gerade nach Hause gefahren und Günther überlegte schon wieder, ob er für die nächste Tour noch genug Ravioli-Dosen und Knäckebrot im Wagen hatte.

 

In Fulda strahlte die kleine Hanna über das ganze Gesicht und weigerte sich, ohne ihre neue Sternenlicht-Barbie mit fliegender Katze ins Bett zu gehen. Franzi seufzte. Mütter sind eben doch Wachs in den Händen ihrer Kinder.

 

In Bad Hersfeld saß eine alte Dame in einem Sessel im Wohnzimmer ihrer Tochter. Ihre kleine Urenkelin war auf ihrem Schoß eingeschlafen während sie ihr aus einem Buch Weihnachtsgeschichten von Astrid Lindgren vorgelesen hatte. Ja, in Bullerbü war Weihnachten auch „wie früher.“

 

Und in München sammelte ein Rettungswagen gerade einen Weihnachtsmann im fleckigen Mantel von der Straße auf. „Psuffa“ lautete die fachmännische Diagnose des Sanitäters.

 

 

 

ENDE